Wie tief ist das Wasser denn nun

fragt sich mancher, der die Watten ersegeln will. Dabei ist die Tiefenrechnerei eigentlich ganz einfach:

Unsere Seekarten sind seit einigen Jahren auf den astronomisch niedrigst-möglichen Wasserstand (Lowest Astronomical Tide, LAT) bezogen, das sog. Seekartennull SKN. Die in den Seekarten angegebene Tiefe bedeutet also quasi eine garantierte Mindestwassertiefe.

Das BSH hat uns nun freundlicherweise Zeiten und Höhen der Gezeiten über SKN(LAT) vorausberechnet. Damit ergibt sich die
aktuelle Wassertiefe = Kartentiefe + Höhe der Gezeit.

 

Nun könnte es davon noch Abweichungen durch Winddruck geben; starker und stetiger Ostwind drückt zum Beispiel das Wasser aus den Watten, dadurch ist bei Niedrigwasser mit deutlich weniger Gezeit zu rechnen, so daß die Fähren zum Festland eine Zeit lang festsitzen. Auch hier hilft das BSH und liefert uns tagesaktuell eine Schätzung, um wieviel sich der tatsächliche Wasserstand unterscheiden wird.

mobile.bsh.de

Leider gibts dabei ein kleines Problem: das BSH prognostiziert immer die Abweichung vom mittleren Hoch- bzw. mittleren Niedrigwasser (und eben leider nicht vom SKN oder der vorausberechneten Höhe der Gezeit).
Da kommen nun die lokalen Pegel ins Spiel. Nehmen wir beispielsweise den auf Norderney, rechts sehen wir die Skala über SKN, links die über dem Pegel-Null-Punkt, der nebenbei bemerkt 4,99m unter NormalHöhenNull (NHN) liegt. Grob gesagt ist NHN eine festgelegte Ebene, in unserem Fall der Null-Punkt des Amsterdamer Pegels korrigiert um die Erdkrümmung von Amsterdam bis zu uns. Das NHN ist also quasi die Oberfläche eines Balls, wenn unsere Mutter Erde keine geologischen Formationen wie Hügel, Berge und Täler hätte.

Das SKN liegt auf unserem Eiland also bei 3,16m über dem Pegel-Null-Punkt,

  • das mittlere NW bei 3,78m und damit 62cm über SKN und
  • die mittlere HW-Höhe liegt bei 6,23m, also 307cm über SKN.
  • Jetzt ist die Sache einfach: Für die Wassertiefe bei Niedrigwasser rund um Norderney gilt also
    Kartentiefe + mNWHüberSKN(62cm) + Abweichung (siehe BSH)
    für die Hochwasserhöhe gilt es mit 307cm analog.

     

    Und dazwischen? Da hat sich als Faustformel die Zwölftelregel bewährt:

  • In der ersten Stunde steigt das Wasser um 1 Zwölftel,
  • in der zweiten um weitere 2
  • und in der dritten um 3 Zwölftel.
  • In der 4. Stunde steigt es ebenfalls um 3 Zwölftel,
  • in der 5. um weitere 2
  • und in der letzten Stunde vor HW um das restliche Zwölftel
  • - fertig.

    Man rechnet also die NW- und HW-Zeiten und -Höhen an einem bestimmten Ort aus und interpoliert vereinfacht: Nach 2 Stunden ist ein Viertel Wasser aufgelaufen, nach halber Zeit zwischen NW und HW auch der halbe Wasserstandsunterschied und 2 Stunden vor HW fehlt noch ein Viertel, ganz einfach, oder?

     

    Übrigens: der Unterschied zwischen mNW- und mHW-Höhe ist der mittleren Tidenhub von rund zweieinhalb Metern, das kann aber im Einzelfall auch deutlich mehr werden, je nach Wind und Sonnenstand.
    Das niedrigste in den ersten zehn Jahren unseres Jahrtausends gemessene Niedrigwasser lag bei 251cm und damit nochmal einen guten halben Meter unter dem vorausberechneten astronomisch niedrigst möglichen Wasserstand (Ihr erinnert Euch: der liegt bei 3,16m über dem Pegel-Null).
    Im Jahr 2013 ist die Nordsee dagegen auf gute 9m über Pegel-Null bzw. knapp 6m über SKN bzw. knapp 3m über das mittlere Hochwasser gestiegen - das war eine ziemlich beunruhigende Situation...

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    arne@goerndt.de