Da hier ja Törnberichte gewünscht werden hier der meine.
In Kurzform: Jollensegeln in Friesland rund um Langweer, der friesländischen Pest (= geschlossenen Brücken) und Abschleppen unter Segeln im Sturm.

Freitag nacht (eigentlich Samstag früh morgen) kamen wir ziemlich müde in Langweer an, ein netter Bungalowpark, den ich sehr empfehlen kann. Obwohl wir ein sechs-Betten-Haus gebucht hatten bekamen wir eines mit 8 und ich als Nr.7 eine Madratze statt eines Sofas unter mir. Gegen 9 Uhr weckten uns die Trompeten von Jericho (Bläck Föös 'Scheiß Montach' morjen...) - binnen Nullkommanix standen alle in der Küche, Astrid mit Augen auf Halbmast und bereit, Sandra zu ermorden (was soll dieser sch... Krach zu nachtschlafender Zeit???) :-)

Draußen Frühstücken war wegen der periodischen Regenschauer leider nicht. Die Häuser liegen malerisch an einer Art Gracht, die Boote gleich zu Füßen der Terrasse, eine kleine holländische Brücke teilt den Park vom Neuen Hafen, der pickepackeübervoll mit Booten aller Art gestopft war. Gegen 11 motorten wir dann durch die schmale Gasse, die man uns freundlicherweise doch noch gelassen hatte, auf den Langwerder Wielen, den Haussee von Langweer. Da an diesem Weekend allerdings die Kirmes stattfand, hatte man auch gleich ein paar Regatten angesetzt. Der Wielen war überzogen von Segeln aller Größen, man hätte von einem Ufer zum anderen trockenen Fußes wandeln können - naja, fast. Man fragte sich, wie die eigentlich alle aneinander vorbei paßten, es knubbelte sich arg wie der Rheinländer so treffend sagt. Des Rätsels Lösung: Dafür bestand keine Notwendigkeit, denn es herrschte vollkommene Flaute, nur beim herannahen von Regenwolken kam für 5 Minuten ein bißchen Thermik auf.

schön, nicht?
Wir sind dann um die Felder herummotort bis zur Autobahnbrücke. Die nachgelagerte kleine zeigte Doppelrot, der Brückenwärter war vermutlich zum Mittagessen, also machen wir uns den Spaß, legen unter viel Getöse den Mast (Arne, hast Du eigentlich noch einen Ersatzschäkel??) und paddeln hindurch. Bis zum Sneeker Meer dümpeln wir, doch auch da herrscht tote Hose. Nach einer halben Stunde erfolglosen auf-der-Stelle-segelns beschließen wir, den Tagesplan umzustellen: Der Apfelkuchen in Goingastergrijp wird gestrichen, das Abschluß-Scholle-essen vom Sonntag im Drie Harringjes in Hindeloopen wird vorgezogen, wir motoren diesmal durchs Jentje-Meer, passieren die Flachstelle vor dem Eingang zum Fammensrakken ohne Probleme, auch die drei feststehenden Brücken (Mast legen: Aua, verdammt, mein Finger!!!) und setzen anschließend Segel, es kommt Wind auf. Zurück aufm Wielen verlieren wir einander, da immer noch das jetzt heftig hinundherwogende Chaos um die Regattabojen tourt, finden uns wie durch ein Wunder und beschließen, den Kaffee daheim ebenfalls zu streichen und kurz ins Koevordermeer hineinzustechen.

Die Brücke zeigt Doppelrot, der Brückenwärter ist offenbar zum Kuchenfassen, also Masten legen (Mist, nochn blauer Fleck!), dann wieder setzen. Silke legt ohne mich ab, ist davon reichlich entgeistert, obwohl sie segeln kann und das auch sonst ohne meine Hilfe tut ('Das finde ich jetzt NICHT witzig!!!'), kehrt um und kollidiert beim Anlegemanöver - oh Wunder! - nicht mit Brücke und durchfahrenden Hausbooten (Kompliment, das hätte ich auch nicht besser gekonnt). Entlang der Windabdeckung in Luv des Janesloots ziehe ich die anderen bis zum Marekritesteg kurz vor der Einmündung zum Prinses Margriet-Kanal, den wir 'Janines Rest' getauft haben. Auch jetzt versucht ein Böötchen mit jungen Leuten die Abkürzung zu nehmen und sitzt hastdunichtgesehen bombenfest (falls jemals die besten Plätze für Webcams prämiert werden sollten, bin ich für Janines Rest und Het Zand bei Koudum...). Wer sein Boot liebt, der schiebt...

Janines Rest = weil Janine im Frühjahr trotz Warnungen und Kartelesens (sie ist Geodaetin) außerhalb der kleinen Fahrrinne munter dahinsegelte bis sie (zehn, neun, acht, sieben, sechs, weiter konnte man nicht zählen) im oberschenkeltiefen Wasser hoch und trocken und für die näxte Stunde festsaß...
Nach diesem unterhaltsamen Intermezzo segeln unsere beiden Valken raumschoots westlich der Fahrrinne gemütlichst, bestaunen die dicken Binnenschiffe, biegen vor dem Wind und in der herausbrechenden Sonne in den Stroomkanal ab, kehren an der Brücke von Spannenborg um nicht ohne unter Motor zu testen, ob wir auch wirklich unter durch gepasst hätten (Gaffel senken reicht, Valken sind so rund 6,90m hoch, die Brücke misst 7,15m). Zurück kreuzend und dann durchs Koevordermeer am Wind in der Abendsonne. Weils langsam kalt wird motoren wir das letzte Stück vom PM bis vor unsere Terrasse (Brückenwärter am Janesloot ist zum Abendessen, also Mast legen: Pass doch auf, Du ...!!!). Der Tag wird abgerundet durch eine heiße Dusche (hmmm !!), einen zünftigen Lumumba, ein bißchen Rum, ein bißchen Baylies, Geschichtenerzählen am Kamin (kein Feuer mangels Holz), bei rauschendem Wasser (Spülmaschine) und Uwes Langweerder Allerlei (Reis, pass. Tomaten, Würstchen und noch manches mehr). Anschließend machen wir noch einen kurzen Gang durchs Dörfchen, besichtigen den alten Hafen, auch der gestopft voller Boote, darunter einige 'alte Johannas' (=Plattbodenschiffe), drücken uns um ein Minikaroussel auf dem noch Betrieb herrscht, die näckisch beflaggten Häuser allenthalben und liegen gegen Mitternacht in der Falle ...
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schön, nicht?
Am Sonntag reicht verführerischer Kaffeeduft um uns aus den Betten zu holen (standesgemäß bekomme ich ihn süß und blond ans Bett serviert - andernfalls würden es die Matrosen den Tag über bitter bereuen...). Draußen aufm Wielen herrschen mittlerweile 4 bis 5, die Mädchen beschließen, ein Reff einzustecken, wir Jungs markieren die ganz harten, lästern eine Runde über deren Ablegemanöver, nicken selbst kurz auf der Untiefe im Wielen.

Wir fahren die gleiche Strecke wie gestern abend, passieren das einzige mal eine für uns geöffnete Brücke (warum Sandra den Mast gelegt hat, bleibt ihr Geheimnis) am Janesloot, an Janines Rest ist leider nix Spannendes zu sehen. Da der Bereich um die Spannenburger Brücke windabgedeckt ist, schleppe ich das Damenboot hindurch. Der ein oder andere Regenschauer wechselt mit ein paar Sonnenstücken, groooße Frieslandwolken ziehen dahin, es windet mit vielleicht 3 Bft. Und weil die Zeit schon reichlich fortgeschritten ist (vor der Heimreise heute abend wollen wir ja noch nach Hindeloopen Scholle essen) fahren wir nicht durchs Groote Brekken nach Lemmer, sondern biegen gleich rechts ab und kreuzen nach Slooten auf. Der Erdbeerquarkkuchen hat einen Stich, wäre ich doch bloß beim Appelgebaak met Slaghroom geblieben. Der Slooter Brückenwärter ist ausnahmsweise da, aber wir wollen keine 2,50 Gulden pro Boot bezahlen und weils schon so gut wie geschmiert geht legen wir wieder mal den Mast. Die Brücke ist so niedrig, daß man den Mast von der Baumstütze nehmen muß (warum hat Sandra plötzlich ein Hörnchen? Holz auf Eisen... :-)

Bis zum Slooter Meer kreuzen wir und werden von ziemlich heftigem Nordwestwind überrascht. Nicht weit vom Ufer drehen die Girls plötzlich ab und halten mit flatternden Segeln auf uns zu - das Leewant baumelt unmotiviert und haltlos herum, der Splint hat sich verdünnisiert, ein Bändsel scheuert nullkommanix durch, ich knüpfe ein paar Schäkel an einen Fender und werfe ihn hinüber, befürchte einen Segelriss oder ähnliches wenn wir dem anderen Boot zu nahe kommen, immerhin steht hier ne ekelige Welle, die die Boote Richtung Ufer treibt. Der Fender landet wie befürchtet zu kurz, im Wasser, drei Hände greifen vorbei, nur Sandra kann ihn noch knapp einfangen. Trotzdem bekommen sie das Want nicht fest, weil die Ösen zu klein sind. Also bergen wir die Segel und motoren heran, nehmen die Ladies auf den Haken. Nur kachelt es im Moment so stark, daß wir kaum gegen den Wind Richtung Woudsend ankommen. Weit westlich der Fahrrinne können uns auch keine andern Boote helfen, es ist abzusehen, daß uns kurz vor knapp der Sprit ausgehen wird. Verdammt, was nun? Wir haben das zwar oft schon bei wenig Wind im Hafen von Koudum zum Spaß ausprobiert, aber nun bleibt uns kaum etwas anderes übrig: Wir setzen Fock und Großsegel, der Motor wird ausgedrückt und dann segeln wir, den anderen Valken im Schlepp. Und es geht tatsächlich, auch wenn die Klampe verdächtig ächzt. Mit großen Schlägen kommen wir tatsächlich ein gutes Stück nach Luv und damit vom Leeufer weg. Spannend wirds bei der ersten Wende. Die Schleppleine fertig zum loswerfen beschreiben wir einen großen Kreis, die Leine hängt durch, Segel dicht, wir nehmen Fahrt auf, die Leine kommt straff und fast reißt es die Klampe heraus, aber es geht doch noch. Puh, geschafft!

schön, nicht?
So geht das ein paar mal, der ein oder andere Segler fährt heran, reibt sich die Augen (was machen die denn da??), grüßt höflich und düst vorbei. Die ganze Aktion kostet uns eine gute Stunde und damit heißt es 'Scholle ade!' In Lee der Woudsender Bäume schmeiße ich den Jockel an und ziehe mit einigen Yachten in den Ort. Ausnahmsweise macht die Brücke auf, da wir aber eh durch den Kanal 'de Welle' mit zwei stehenden Brücken müssen (aufm Johann-Frieso-Kanal ist segeln leider seit letztem Jahr ohne Motor standby verboten), streichen wir erneut auf dem Wasser die Masten (warum auch nicht, den Sport beherrschen wir mittlerweile aus dem FF). Nach einem kurzen Stop mit Austausch von Horrorstories (eigentlich ist ja nix passiert, oder?) und proviant-vernichten setzen wir wieder die Segel. Das Havarieboot hat doch noch eine Möglichkeit gefunden, mit zwei gegeneinander versetzten Schäkeln das Want zu befestigen, trotz des mittlerweile auf vielleicht 2 Bft. abgeflauten Winds lassen sie das Reff drin, der Schreck sitzt offenbar tief. Bei schönster Abendsonne kreuzen wir das Koevordermeer zurück und halten uns vom Flachstück gut frei. Wie zu erwarten war ist der Brückenwärter am Janesloot bei Frauchen und angesichts der frierenden Silke verpacken wir nach der Mast-lege-Mast-setz-Aktion die Segel und motoren heim. Mit heißem Kaffee und Kakao, nach einer heißen Dusche und den verlängerten Resten von Uwes gestrigen Allerleis im Magen packen wir unseren Krams, werfen noch einen letzten Blick aufs Wasser und machen uns auf den Heimweg. Gegen halb eins liefern wir Silke daheim in Mönchengladbach ab, um 6 geht ihr Flieger nach München, um 8 Uhr wartet ihr Chef auf sie und vermutlich verhandelt sie gerade in Liechtenstein mit irgendwelchen Kunden (kaum aus der Uni, schon im Berufsstreß...) Sibylle fliegt am Morgen nach Berlin, Uwe verschiebt den Abstecher in den Westerwald zu den Eltern zwecks Autotausch auf den kommenden Abend, Ossi und Astrid dürften schon geschlafen haben, als Sandra und ich gegen halb zwei in Bonn eintreffen.

Es war ein erlebnisreiches Wochenende. Von Flaute bis viel Wind, Kanal, See und Örtchen, Brücken und Mastlegen, unsere bislang-Nicht-Segler bekamen das volle Programm geliefert. 'Hier waren wir nicht zum letzten Mal' zitiere ich Ossi, und Sandra und ich freuen uns, daß wir es wieder mal geschafft haben, alle heile nach hause zu bringen, den Segelvirus bei unseren Landratten zu wecken und vielleicht im näxten Jahr eine ganze Woche mit der netten Clique zu verbringen. Für mich sinds noch 25 Tage bis zum näxten Segelwochenende, der Rucksack ist schon gepackt, die Stiefel liegen bereit, die Handschuhe trocknen und irgendwie freue ich mich aufs Masten legen...


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